Becketts Endspiel und King of Queens – Versuch, die Kulturindustrie zu verstehen

26Okt08

Bei Beckett sind die Eltern von Hamm gut in den Haushalt integriert, sie leben in den Mülltonnen, und hebt Hamm den Deckel ab, sagt er nur: »Seid ihr noch nicht zu Ende? Kommt ihr nie zu Ende?«
Die Kulturindustrie macht immer weiter: Der Vater von Carrie aus der US-Sitcom King of Queens haust im Keller, aus dem er wie von einer Mülldeponie vergangener Moden seine Pullover holt. Der Unterschied ist nur, dass jeder Mann, jede Frau, mit Doug und Carrie sich identifizieren kann, nicht aber mit Hamm und Clov. Für ständige Abwechslung im Immergleichen ist gesorgt, beim Pullover-Muster wie in den Beziehungskonflikten. Während das Endspiel die Deformationen vorführt, »die den Menschen von der Form ihrer Gesellschaft angetan werden« (Adorno), üben die US-Sitcoms durch die Deformationen hindurch, die sie affirmieren, zivilisatorische Standards ein, wie sie auf einer bestimmten Entwicklungsstufe kapitalistischer Warenproduktion jeweils möglich sind.
Diese Dialektik der Aufklärung kommt bei Adorno und Horkheimer merkwürdigerweise zu kurz. Dabei ist kein Jota ihrer Kritik an der Kulturindustrie zurückzunehmen und jede Deformation als solche zu denunzieren. Nur wäre zu fragen, ob nicht schon in der Formulierung des Begriffs der Frage des Staats zugunsten einer diffusen Vorstellung von Macht ausgewichen wird, und dadurch ungeklärt bleibt, auf welche Weise die Konsumenten der Kulturindustrie sich jeweils mit politischen Instanzen identifizieren; ob also nicht die Kritik des Staats auf dem Gebiet der Kulturindustrie erst noch zu eröffnen wäre. Für die postnazistische Situation könnte das etwa heißen, Doug und Carrie aus Queens den deutschen Paaren gegenüberzustellen, die als Tatort-Ermittler in den Nachfolgestaaten des Dritten Reichs ihr Unwesen treiben.

Vortrag von Gerhard Scheit

Montag, 27. Oktober 2008, 19.00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz
Halle/Saale

Eine Veranstaltung der AG Antifa im Stura

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12 Responses to “Becketts Endspiel und King of Queens – Versuch, die Kulturindustrie zu verstehen”

  1. 1 bla

    Schade, dass der Hinweis auf die Veranstaltung mit G. Klauda wieder gelöscht wurde.
    Vielleicht sollte der oder die jenige das Buch erstmal lesen, denn es geht nicht um die Verteidigung „des“ Islams oder einer Relativierung von Regimen wie dem im Iran, sondern um eine differenzierte Sichtweise auf das Problem Homophobie, Islam, Moderne.
    Und die Homophobie in den islamischen Ländern bzw. das Setzen von normal vs. abnormal ist nunmal eine moderne, „westliche“ Erscheinung. Im Islam waren bestimmte Akte verboten, aber es gab keine Identität des Homosexuellen oder gar eine pathologische Kategorie die es abzustrafen oder zu vernichten galt, ganz anders als im christlichen Europa oder in der (post)modernen „westlichen“ Mehrheitsgesellschaft.

  2. 2 blub

    Es geht also nicht um eine Relativierung von islamistischen Regimen. Gut, hat zwar auch niemand behauptet, aber gut dass du es vorwegnimmst. Also, was soll mir dieser Vortrag sagen? Es ist die Schuld des dekadenten Westens, dass im Iran Homosexuelle an Kräne geknüpft werden.
    Auch wenn du es präventiv abstreitest, für mich klingt das alles ganz stark nach Relativierung.

  3. geht´s noch? beiträge von anderen autoren zu löschen; super demontage.

  4. 4 Chasko

    @ Bla:
    folgendes hatte ich unter den gelöschten Klauda-Artikel geschrieben:

    „Bitte löscht diesen Scheiß!!!

    Der Depp von Klauda war genau zum gleichen Thema schonmal in Halle. Da hat er auch darauf beharrt, dass es in der islamischen Literatur im Mittelalter schon Homoerotik gegeben habe. Mag sein; das streitet auch niemand ab. Nur ist es egal, wenn es um die gegenwärtige Verfolgung von Schwulen geht. Ob Schwulenverfolgung nun ein Export aus Europa ist oder nicht ist auch egal. Darum geht es auch gar nicht. Klauda als Gegner der AUfklärung macht aber eben diese dafür verantwortlich.
    Fakt ist jedenfalls: In islamischen Staaten gibt es eine systematische Schwulenverfolgung, die in einigen Staaten von der Regierung forciert wird. Hunderte Todesopfer sprechen da für sich. In den Ländern der Aufklärung gibt es so etwas in der Form nicht. Deppen-Klauda behauptet: “Homophobie ist eine Erfindung des christlichen Westens, die im Zuge der Globalisierung in die entlegensten Winkel dieser Welt exportiert wird.” Wer nun das Patent auf Homophobie hat, spielt für die Opfer des Schwulenhasses in islamischen Ländern keine Rolle. Indem Deppen-Klauda Kritik am islamischen Schwulenhass als Rassismus bezeichnet, verschleiert er genau jene Gewaltverhältnisse, gegen die er angebl vorgehen will.

    Also löscht den Eintrag!“

    anscheinend wurde ich erhört

  5. 5 Free Willy

    Haha, Länder der Aufklärung. Das ist ja das Dümmste, was ich seit Langem gelesen habe.

  6. 6 Chasko

    dann haste dein eigenes Geschriebenes schon seit Langem nicht mehr gelesen.

  7. 7 Free Willy

    Ein phänomenaler Konter. Willst Du mich viellecht noch Deppen-Free-Willy nennen? Wäre genau das Niveau einer intellektuellen Auseinandersetzung, auf dem Du dich bewegst.

  8. 8 Ergänzer

    Free Willy, the Dustibert!

  9. 9 bla

    Lieber Chasko vielleicht solltest du mal über den Begriff der „Aufklärung“ und seinen geschichlichen Nexus reflektieren, dann wirst du merken, dass du nicht alles, was du als „fortschrittlich“, „freiheitlich“ oder „emanzipatorisch“ betrachtest, als „aufklärerisch“ bezeichnen kannst…und schon gar nicht die sogenannten „westlichen Gesellschaften“. Der Holocaust war auch kein Ereignis der Vormoderne und zw. Aufklärung und Antisemitismus, Aufklärung und „deutscher Ideologie“ finden sich enge Bezüge.
    Vielleicht sollte man vorsichtig sein, bevor man die Aufklärung und die „westliche Zivilisation“ hochhält.
    Zu dem vereinfachst du zu sehr den Kontext. Das Problem ist wohl etwas komplizierter gestrickt, als Islam-Homophopie.
    Und wenn du sein Buch liest, wirst du am Beispiel Türkei sehen, dass es eben nicht nur ums Mittelalter geht.
    Klauda geht es darum, vor einem rassitischen Diskurs zu warnen, der „den Islam“ als etwas Vormodernes, als „Orient“ konstruiert.
    Und wen du schon von den Opfern (Hmosexuelle oder vermeintliche Homosexuelle) sprichst, dann doch auch von denen in Afrika, Jamaica etc.
    Und nicht jede Kritik am Islam ist als positiv zu betrachten, gerade wenn sie, wie z.B. in der Debatte in der „Schwulencommunity“ um Homophobie und Übergriffe migrantischer Jugendlicher eindeutig rassistisch ist? Oder darf man jetzt in Namen der Islamkritik alles?????

  10. 10 Andrea

    Natürlich darf Mann/Frau am Islam alles was man als kritikwürdig erachtet kritisieren. Und wenn die armen Muslime schon so unter dem Exportschlager Homophobie aus dem Westen zu leiden haben, darf man ja zumindest noch kritisieren, dass gerade diese Werte in der islamischen Welt aufgenommen wurden und nicht so unbedeutende Errungenschaffen wie die Gleichberechtigung der Frau.
    Homophobie ist ein globales Problem und in Jamaika und in vielen Ländern der islamischen Welt ein fundamentales und existenzbedrohendes Problem. Von daher kann Herr Klauda gerne alle möglichen Theorien aufstellen, wer die Menschen so böse gemacht hat und warum sie Schwule und Lesben so hassen. Das ändert aber rein gar nichts an der momentanen Situation der Betroffenen.
    Und wer hier immer mit diesem nicht haltbaren Rassismusvorwurf kommt, sollte sich eins merken: Die Kritikerin kritisiert alles und jeden, der Rassist macht dabei Unterschiede.

  11. 11 bla

    „Und wenn die armen Muslime schon so unter dem Exportschlager Homophobie aus dem Westen zu leiden haben, darf man ja zumindest noch kritisieren, dass gerade diese Werte in der islamischen Welt aufgenommen wurden…“

    Wer hat sowas behauptet??? Ich habe das nirgends behauptet und Klauda macht das in seinem Buch auch nicht. Niemand nimmt „die Muslime“ in Schutz, relativiert die Gewalt gegen Homosexuelle in islam. Ländern und es ging auch an keiner Stelle um eine Apologie des Islams.

    Und wenn man über Homophobie spricht, diese kritisiert und die Ursachen zu klären sucht (Analyse und Kritik sind nunmal eins, ansonsten ist Kritik, die dem Gegenstand nicht gerecht wird, für’n Arsch), dann muss man auch über die Geschichte reden. Und darum geht es in Klaudas Buch, zu zeigen, dass die Ursachen doch etwas komplexer sind, als „der Islam verbietet Homosexualität“. Kritik kann nicht ahistorisch sein.

    Und zum Rassismus… dann schau dir mal die Diskussionen in der „Schwulenbewegung“ an.
    Und der/die KritikerIn ist doch kein dem Gegenstand entrücktes Subjekt. Auch KritikerInnen machen unterschiede (z.B. in der Auswahl des zu kritisierenden Objekts/Subjekts) und können RassistenInnen sein. Und den sogenannten Kritikern entgeht, dass in D. die Mehrheit der homophoben Täter „Deutsche“ sind und man kann bei migrantischen Jugendlichen, die in der 2. oder 3. Generation in D. leben und außer der Familie, die gleichen Sozialisationsinstanzen (Schule, Medien, Freunde etc.) wie ihre deutschen Altersgenossen durchlaufen haben, wohl kaum vom gleichen oder ähnlichen „Referenzmodell“ wie in den islamischen Ländern ausgehen, wie das gestern in der Veranstaltung behauptet wurde.

    „Natürlich darf Mann/Frau am Islam alles was man als kritikwürdig erachtet kritisieren.“

    Ich habe nicht danach gefragt, sondern ob man im Namen einer sogenannten Islamkritik alles darf?
    Also darf ich jetzt vom Orient, wo alles wie in 1001 Nacht ist, und den bösen Muselmännern reden? Das liegt denen bestimmt im Blut, dass die so patriarchal und homophob sind, stimmts?

  12. 12 Blub

    Na dann mal anders gefragt: Nehmen wir einfach mal an Herr Klauda hat recht und die Homophobie wurde vom Westen in der Orient exportiert. Was hat diese Analyse für eine Auswirkung auf die Kritik? Muss man jetzt Homophobie in islam. Länden anders bewerten oder soll sich „der Westen“ jetzt an die eigene Nase fassen und erst mal vor der eigenen Türe kehren, bevor er den Iran kritisiert? Ich finde diese Analyse fürn Arsch, denn sie bietet allen Kulturrelativisten den Nährboden für eine Relativierung der bestehenden Verhältnisse in islam. Ländern. Für mich ist Herr Klauda, wie chasko schon recht infantil aber treffend formuliert hat, ein Depp.


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