Ein Pfarrer gegen (ost-)deutsche Verhältnisse

11Apr08

Bisher ist man es eher gewohnt, dass es ausschließlich Antideutschen vorbehalten bleibt, die flächendeckende Barbarei des (ostdeutschen) Landes zu denunzieren (z.B. wie Andreas Reschke zu Mügeln). Dass nun ausgerechnet ein Pfarrer in die gleiche Kerbe schlägt, ist nicht nur verwunderlich, sondern auch unterstützenswert. Der Pfarrer Reiner Andreas Neuschäfer arbeitet seit etwa acht Jahren als Schulbeauftragter in Rudolstadt/Thüringen, was vor allem durch das echte „Fest der Völker“ bekannt sein dürfte. Neuschäfer ist vor acht Jahren allerdings nicht alleine in die thüringsche Provinz gezogen, sondern hat seine Familie mitgebracht. Da die Mutter seiner Frau Inderin ist, hat nicht nur sie etwas dunklere Haut als die Eingeborenen in Rudolstadt sondern auch die Kinder der Familie. Ständig wurde die Familie beleidigt und angepöbelt. „Geh zurück in den Urwald“ gehört noch zu den eher harmloseren Beleidigungen, die sich die Mutter Miriam beim Einkauf anhören musste. Auch die Kinder wurden in der Schule täglich gemobbt. Die kleinste Tochter wurde im Kindergarten von den anderen Kindern und deren Eltern gemieden. Hilfe konnte die Familie von niemandem erwarten. Sogar die Polizei bagatellisierte die ständigen Pöbeleien („Das meinen die doch nicht so!“, „Das ist doch nur Spass!“). Nachdem vor etwa einem halben Jahr ein gewöhnlicher deutscher Mob – keine Rechtsextremen – in der sächsischen Stadt Mügeln die einzigen Inder der Kleinstadt bei einem Fest über den Marktplatz prügelte und man im Nachhinein die ganze Aufregung nicht verstehen wollte, verfasste Pfarrer Neuschäfer diesen bemerkenswerten Kommentar: hier

Neuschäfer erklärt hier, dass es keiner Glatze oder Springerstiefel bedarf, um auf Ausländerhatz zu gehen. Auch ein NPD-Mitgliedsausweis ist nicht vonnöten. Vielmehr sind es die ganz normalen Deutschen – inklusiver der Linken, die den Andersaussehenden auf die Pelle rücken wollen. Genau diese schmerzliche Erfahrung musste der Pfarrer seit etwa acht Jahren selbst machen. Nachdem dieser Kommentar in einer Kirchenzeitung veröffentlicht wurde, distanzierte sich die Kirche von Neuschäfer. Die Hatz auf die Familie wurde in der Folgezeit immer intensiver. Der vorläufige Höhepunkt war, dass der Sohn des Pfarrers von Gleichaltrigen – darunter der Sohn des Bürgermeisters – verprügelt wurde. Der Familie blieb letztendlich nichts anderes übrig, als Rudolstadt fluchtartig zu verlassen. In ihrem neuen Domizil im Westen der Republik ist endlich wieder so etwas wie alltägliches Leben möglich.

In Interviews erklärt Neuschäfer, dass dieser alltägliche Rassismus – Rudolstadt ist ebensowenig wie Mügeln ein Nazinest – sehr wohl ein ostdeutsches Problem ist. Seine Erlebnisse sind die besten Beweise hierfür. Die Interviews gibt es hier und hier.

Unglaublich, aber doch eher die Regel als die Ausnahme sind die heuchlerischen Reaktionen der Rudolstädter, die sich nun missverstanden fühlten, sich beleidigt sähen und eigentlich ganz und gar nichts gegen Fremde hätten. Auch das erinnert sehr an Mügeln! Artikel hier und hier.

Dem Pfarrer, der sich von der Heuchelei der Östler in seinem Urteil nicht hat beeindrucken lassen, wünschen wir alles Gute. Seinen Job als Schulbeauftragter und Religionslehrer am örtlichen Gymnasium hat er übrigens nicht aufgegeben. So einfach werden ihn die Kleinstadtbarbaren zum Glück nicht los!



One Response to “Ein Pfarrer gegen (ost-)deutsche Verhältnisse”


  1. 1 Stumpf ist Trumpf « Reich und Schön

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