Alla som inte dansar

13Dez07


Vor kurzem wurde ich von einem Freund auf das Musikvideo der Schweden Maskinen aufmerksam gemacht. Das fand ich ganz witzig, obwohl (oder gerade weil) ich der schwedischen Sprache nicht mächtig bin und ihr irgendwie eine komische Phonetik anhaftet. Kurzerhand interpretierte ich das Video zunächst in guter Absicht auf diese Weise:

Die schwedische Combo Maskinen (was im Schwedischen soviel bedeutet wie Maschinen) produzieren rappende, mit piepsenden Beats unterlegte Dancefloor-Sounds. Mit ihrer ersten im November veröffentlichten Single „Alla som inte dansar“ wurden Maskinen auch über die Sphären skandinavischer Clubs hinaus hörbar. Seitdem fragen sich nicht wenige, wer hinter den peeps&plings steckt. Doch die Danceflooristen ziehen es vor anonym zu bleiben und maskieren sich konsequent im Video zum viel gehypten Dancefloor-Breaker. Mit diesem abstrakten (Nicht-)Auftritt stellen Maskinen ihr musikalisches Schaffen ins Zentrum der Wahrnehmung und lassen jegliche konkrete Personifizierung hintergründig erscheinen. Die Identifikationslücke muss vom agitierten Publikum gefüllt werden, getreu dem Motto „Alla som inte dansar“. So kann der Besucher in der interaktiven Flashanimation zum Song die Puppen tanzen lassen und wird wie auf dem Dancefloor zum körperlichen Pendant einer metaphysischen Initiierung.

So weit so schlecht. Die Lyrics klingen zwar einigermaßen witzig, aber ganz sauber konnte das nicht sein. Dieses Unbehagen fand seine Berechtigung in der Bedeutung des Wortes „våldtäktsmän„, was mit „Vergewaltiger“ oder „Frauenschänder“ zu übersetzen ist. Der Songtext ist somit simple but stupid und sagt: Jeder der nicht tanzt ist ein Vergewaltiger! In dieser Lesart verlieren Maskinens dümmliche Aufforderungen an Komik, wenn jeder der sich nicht Regelkonform verhält -also jeder der statt zwanghaftem Tanzen besseres im Sinne hat- zum Buhmann erklärt wird. Und tatsächlich dürfte die Ansage nur vollkommene Idioten zu ungezwungenem Abhotten bewegen. Hier wird ein sozialpsychologischer Mechanismus wirksam, bei dem jegliche individuelle Entfaltungsfreiheit zugunsten eines starken Kollektivs flöten geht. Dieser Effekt scheint die Massen wirkungsvoll zu beeinflussen, weshalb sich wohl mittlerweile einige unkreative Producer daran gemacht haben den Track für die Tanztempel zu remixen. Diese Einfallslosigkeit ist jedoch Ausdruck des elendigen Bedürfnises, mit diesem unwidersprüchlichen Hit endlich auch einmal Erfolg zu haben.
Bleibt zu hoffen, dass die implizit beklagte Armut an tanzender Extase in den Clubs auch dann fortbesteht, wenn “Alla som inte dansar är våldtäktsmän aufgelegt wird.



5 Responses to “Alla som inte dansar”

  1. 1 jules

    im prinzip hast du mit deiner aussage zwar recht, was die uniformierung und das zwanghafte der aussage dieses liedes angeht.
    ist man der schwedischen sprache allerdings mächtig und übersetzt nicht nur einelne satzbrocken, dann wird man sehr schnell feststellen, dass sich maskinen hier einer gehörigen mänge ironie und augenzwinkern bedient.
    als beispiel hierfür soll eine textpassage dienen, die den satz: „alla som inte dansar är våldtäktsmän“ kompletiert. und zwar: „gäller hella kvällen melan tolv och fem.“ was soviel heisst wie: „das gilt den ganzen abend zwischen mitternacht und fünf.“ eine pauschale aussage derart zu relativieren bringt sie auf ein abstraktionsniveau, welches einfach nicht mehr ernstgenommen werden kann. zumal ja auch keinerlei gründe für diese einschränkung gegeben werden. das ist dann etwa wie „alle fussballfans sind dumm, nur nicht mittwochs“.
    dass DJs in den clubs vermehrt zu diesem lied greifen mag wohl auch eher am sound als am text liegen, da das publikum (zumindest in deutschland) durch einen text, den es nicht versteht auch nicht zum tanzen aufgefordert werden kann.

  2. Mangelnde Schwedisch-Kenntnisse behindern in diesem Fall tatsächlich enorm. Es wäre spannend die Reaktionen der skandinavischen Club-Szene in den Musikmagazinen und Blogs zu beobachten. Wie bewerten die den Song? Mit Sicherheit kann gesagt werden, DASS er besprochen wird.
    Wenn Maskinen die zentrale Ansage „Jeder der nicht tanzt ist ein Vergewaltiger!“ um den Zusatz “das gilt den ganzen Abend zwischen Mitternacht und Fünf” ergänzen, stecken sie also deren Geltungsbereich ab. In dieser Zeit – zwischen Chill-In und Afterhour, wenn die Clubs nunmal am besten besucht sind – buhlen Djs, MCs, Bands usw. um die Gunst der Clubgänger und versuchen diese fast schon selbstverständlich zum tanzen zu bewegen. Klar wollen auch Maskinen die Tanzflächen der Nachtclubs zum beben bringen – so beziehen sich ihre Tanz-Parolen nicht kontextfrei, sondern wie auch im Video gezeigt wird auf die beste Clubzeit; und das ist eben doch ziemlich nah an der Realität.
    Bei soviel Authentizität (Abstraktionsvermögen traue ich den Deppen wirklich nicht zu) ist es nur logisch, dass sie ihre Worte ernst meinen. Letztendlich liegt es beim Hörer, ob er den Sinn der schwedischen Tanz-Ansagen erfasst und tanzt um sich dem Gruppendruck zu beugen, oder ob er einfach nur tanzt weil die Beats bouncen. Die Realität sieht dann aber weniger modellhaft aus, und es wird einfach zu schlechter Musik getanzt, sonst wäre die Party ja auch schrecklich langweilig; und die Illusion das Taschengeld an diesem Wochenende richtig angelegt zu haben würde bröckeln.
    Die Beats von Maskinen bleiben schlecht, das wird auch durch dämliche Satzbrocken nicht besser. Der „IRONie-Rettungsring“ ändert daran auch nichts.

  3. heul halt. hier in kopenhagen gehts ab bei dem track

  4. 4 media4

    auch gehört in Bulgarien/sunnybech

  5. 5 doppelv

    Kleiner Einspruch: maskinen bedeutet nicht „Maschinen“ sondern „Die Maschine“. Maschinen wäre auf Schwedisch „maskiner“. ;)


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